{"id":724,"date":"2020-04-22T17:20:10","date_gmt":"2020-04-22T15:20:10","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/?page_id=724"},"modified":"2020-04-22T17:39:42","modified_gmt":"2020-04-22T15:39:42","slug":"interview-mit-dr-willi-polte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/?page_id=724","title":{"rendered":"Interview mit Dr. Willi Polte"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-719 alignright\" src=\"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/willi-polte-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/willi-polte-218x300.jpg 218w, https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/willi-polte-300x412.jpg 300w, https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/willi-polte.jpg 648w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/>Auch heute schlummern noch wertvolle Sch\u00e4tze auf der Festplatte der Wirtschaftspost. Als Einstieg f\u00fcr die neue Rubrik \u201eInterviewBox\u201c der Wirtschaftspost hier eine Gespr\u00e4chsaufzeichnung von 2012 aus der Kantine des Landtags von Sachsen-Anhalt mit dem Magdeburger Ex-Oberb\u00fcrgermeister Dr. Wilhelm Polte (geb. am 11. Januar 1938 in Niegripp), der erst vor wenigen Wochen am Telefon best\u00e4tigte, dass seine Antworten aus dem Jahr 2012 kaum an Aktualit\u00e4t verloren h\u00e4tten. <br data-rich-text-line-break=\"true\" \/>Dr. Polte und Freimut Hengst kennen sich bereits seit 1978, als Willi Polte an der damaligen TH Magdeburg Seminargruppenbetreuer von Freimut Hengst war, der damals in der Sektion \u201eTechnologie&#8220; als Fertigungsprozessgestalter sein Studium aufnahm.<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Freimut Hengst:<\/strong> Stimmt es, dass Sie bereits 1960 der SPD beigetreten sind? Was waren damals Ihre Motive, wer waren Ihre Vorbilder in der sozialdemokratischen Partei Deutschlands?<br><br><strong>Dr. Willi Polte:<\/strong> Am 18. August 1960 suchte ich das Ostb\u00fcro der SPD in Berlin-West auf, um eine Parteimitgliedschaft zu beantragen. Hintergrund war die Westbindungspolitik der Adenauer-Regierung die zwangsl\u00e4ufig zu einer Vertiefung der Spaltung Deutschlands f\u00fchrte und meines Erachtens zu Lasten der Menschen in der DDR ging. Gegen diese Politik setzte die SPD ihren &#8222;Deutschlandplan&#8220; mit dem Ziel, ein weiteres Auseinanderdriften von Ost und West zu verhindern. Als junger Mensch wollte ich mich politisch eindeutig positionieren und mit einer &#8222;Diktatur des Proletariats&#8220; wie in der DDR hatte ich ohnehin nichts am Hut. Nur eine Politik zur Herbeif\u00fchrung der Einheit Deutschlands bot die Chance, die kommunistische Diktatur zu \u00fcberwinden. Kurt Schumacher, Willy Brandt und Ernst Reuter, Widerstandsk\u00e4mpfer gegen den Faschismus, waren f\u00fcr mich politische Leitfiguren die f\u00fcr ein freies und demokratisches Deutschland standen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freimut Hengst:<\/strong> Wie haben Sie nach der deutschen Teilung die Zeit bis zur Wende wahrgenommen?<br><br><strong>Dr. Willi Polte:<\/strong> Der Bau der Berliner Mauer 1961 dokumentierte den politischen und wirtschaftlichen Bankrott der DDR, verdeutlichte aber auch die uninspirierte und leidenschaftslose Wiedervereinigungspolitik der damaligen Bundesregierung. Die folgenden Jahrzehnte sind einerseits durch die fortgesetzte Repression im sowjetischen Machtbereich gekennzeichnet, daf\u00fcr stehen die Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings 1968, des Aufstandes der Arbeiter der Danziger Leninwerft 1976 und des Volksaufstandes 1989 auf dem &#8222;Platz des Himmlischen Friedens&#8220; in Peking, andererseits durch die von Willy Brandt , Walter Scheel und Egon Bahr verfolgte Ostpolitik ab 1969. Gem\u00e4\u00df dem von Egon Bahr postulierten Grundsatz: &#8222;Wandel durch Ann\u00e4herung&#8220; folgte der &#8222;Helsinkiprozess&#8220;, die Konferenz \u00fcber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, mit der Schlussakte 1975. Dazu z\u00e4hlt aber auch die Gr\u00fcndung der polnischen Gewerkschaft &#8222;Solidarnosc&#8220;. Letztlich waren es aber die wirtschaftliche Ineffizienz , der ideologische Starrsinn und die Reformunf\u00e4higkeit im sowjetischen Machtbereich, die B\u00fcrgerrechtsbewegungen bef\u00f6rderten und schlie\u00dflich den Weg f\u00fcr die Einheit Deutschlands und die \u00dcberwindung des Kalten Krieges er\u00f6ffneten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freimut Hengst:<\/strong> Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit der Wende, als Sie zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern der SDP in Magdeburg geh\u00f6rten und Bezirksvorsitzender Ihrer Partei wurden?<br><br><strong>Dr. Willi Polte:<\/strong> Der Aufbruch und Umbruch vom Herbst 1989 und Fr\u00fchjahr 1990 ist f\u00fcr jeden, der aktiv dabei war, eine unvergleichliche Phase im Lebenslauf. Anf\u00e4nglich voller Angst, sp\u00e4ter mit wachsendem Selbstvertrauen konnte man sich politisch artikulieren und aktiv gestaltend einbringen. Es war ein Gef\u00fchl von Befreiung und von Freude \u00fcber bisher nicht denkbarer Chancen, unsere &#8222;kleine Welt&#8220; grundlegend zu erneuern , freier, demokratischer und zukunftsgerecht zu gestalten. Ich habe keinen Moment gez\u00f6gert, als sich die Gr\u00fcndung einer Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP)ank\u00fcndigte, mich sofort einzubringen. Wir waren die einzige Partei in der DDR, die sich im Wendeherbst neu gr\u00fcndete und den absoluten Machtanspruch der Sozialistischen Einheitspartei als Kernaussage in Frage stellte. Leider waren wir damals und sind heute viel zu wenige, die sich verbindlich in parteipolitischen Strukturen einbringen. Dadurch kam ich in herausgehobene gesellschaftliche Funktionen, die aber nicht Ausgangsziel meines politischen Engagements waren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freimut Hengst:<\/strong> Nach Ihrer ersten Wahl zum Oberb\u00fcrgermeister der Stadt Magdeburg wurde Magdeburg zur Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt. Was gab damals den Ausschlag, dass Magdeburg das Rennen gegen die Stadt Halle gewann?<br><br><strong>Dr. Willi Polte:<\/strong> F\u00fcr Magdeburg sprach vor allem der historische Aspekt. Im Zuge des Wiener Kongress 1815 wurde die Preu\u00dfische Provinz Sachsen mit seiner Provinzhauptstadt Magdeburg gebildet. Als 1946 das Land Sachsen-Anhalt gegr\u00fcndet wurde, konnte Magdeburg die Hauptstadtfunktion aufgrund des hohen kriegsbedingten Zerst\u00f6rungsgrades und dadurch fehlender geeigneter R\u00e4umlichkeiten nicht wahrnehmen. Bis zur Aufl\u00f6sung des Landes 1952 war Halle Interimshauptstadt. Letztlich war es eine Entscheidung des ersten 1990 gew\u00e4hlten Landtages, und offensichtlich konnten wir im Vorfeld die Mehrheit der Abgeordneten von Magdeburg \u00fcberzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freimut Hengst:<\/strong> Einer Ihrer gr\u00f6\u00dften Erfolge als Oberb\u00fcrgermeister war die Austragung der Bundesgartenschau in Magdeburg. Wie kam es dazu?<br><br><strong>Dr. Willi Polte: <\/strong>Eigentlich war meine Idee, die BUGA nach Magdeburg zu holen, das Ergebnis eines Zufalls. Im August 1990 lud mich der damalige Regierende B\u00fcrgermeister und Bundesratspr\u00e4sident, Walter Momper, zu einer Reise nach Bonn ein. Dabei ging es um den anstehenden Einigungsvertrag mit der f\u00fcr die St\u00e4dte in der Noch-DDR vorgesehenen Regelung f\u00fcr eigentumsrechtliche Altanspr\u00fcche nach dem Grundsatz &#8222;R\u00fcckgabe vor Entsch\u00e4digung&#8220;. Dabei lernte ich auch den Rheinauenpark kennen, entstanden im Rahmen einer Bundesgartenschau. Sofort dachte ich an unser Gel\u00e4nde auf dem Kleinen und Gro\u00dfen Cracauer Anger, dass zwar noch durch russische Truppen belegt war, aber eines Tages sich gut eignen w\u00fcrde f\u00fcr eine Umgestaltung durch eine Bundesgartenschau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch heute schlummern noch wertvolle Sch\u00e4tze auf der Festplatte der Wirtschaftspost. Als Einstieg f\u00fcr die neue Rubrik \u201eInterviewBox\u201c der Wirtschaftspost hier eine Gespr\u00e4chsaufzeichnung von 2012 aus der Kantine des Landtags von Sachsen-Anhalt mit dem Magdeburger Ex-Oberb\u00fcrgermeister Dr. Wilhelm Polte (geb. <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/?page_id=724\">[ . . . ]<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":713,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-724","page","type-page","status-publish","hentry"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/724","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=724"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/724\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":735,"href":"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/724\/revisions\/735"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/713"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wirtschaftspost-online.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=724"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}