Stabilitätsanker Landwirtschaft

(19.08.2020) Die politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben in vielen Wirtschaftsbereichen zu Umsatzverlusten geführt und zum Teil existenzbedrohende Ausmaße angenommen. Die Landwirtschaft gilt seit jeher als Stabilitätsanker, denn gegessen wird ja bekanntlich immer. Welche Folgen der Corona-Shutdown in der Landwirtschaft hatte, erklärt Urban Jülich, Vorsitzender des Bauernverbandes „Börde“ e.V.:

Urban Jülich, Vorsitzender des Bauernverbandes „Börde“ e.V.

Grundsätzlich kennt die Landwirtschaft krisenhafte Situationen. Dürresommer oder Jahrhunderthochwasser, BSE oder Milchpreiskrise sind Beispiele, wo auch die Landwirtschaft auf politische Hilfen zu deren Bewältigung angewiesen war. Spurlos sind auch die letzten Monate nicht an der Landwirtschaft vorbeigegangen. So hatten Landwirte, die beispielsweise ein Bauernhofcafé betreiben oder Unterkünfte anbieten genauso unter Umsatzverlusten auf einem wichtigen Standbein zu leiden. Die Krise zeigte, dass die Landwirtschaft in unserer Region eine Zukunft haben muss und haben wird. Denn in den meisten Landwirtschaftsbetrieben lief die Produktion mit wenigen Änderungen weiter, bekam man doch die große Bedeutung einer gesicherten Ernährung aus heimischer Produktion vor Augen geführt. So war es systemrelevant, dass Tiere weiter versorgt werden oder die notwendigen Arbeiten auf den Äckern und Wiesen weiter erledigt werden.

Die nie dagewesenen Maßnahmen der Politik zum Abbremsen der Ausbreitung des Corona-Virus hatten aber auch im Bereich der landwirtschaftlichen Urproduktion Folgen. Öffentlich präsent war die Arbeitskräfteverfügbarkeit in den Saisonarbeitsbetrieben, die zu einem Großteil nur noch Erntehelfer aus dem osteuropäischen Ausland für die teilweise beschwerlichen Arbeiten finden können. Die Bundesregierung ließ jedoch eine Anreise der Erntehelfer unter Auflagen zu. Von Grenzschließungen waren zum Teil auch andere Landwirte betroffen, die festangestellte Mitarbeiter aus dem benachbarten Ausland beschäftigen. In geringem Umfang betraf das in der Börde einige tierhaltende Betriebe, die nicht unter die Sonderregelung der Saisonbetriebe fielen, aber dennoch in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt ihre Arbeitskräfte weiterbeschäftigen konnten.

Die Probleme der Logistikbranche mit Grenzschließungen behinderten auch Warenströme, von denen Landwirte abhängig sind, zum Beispiel bei Betriebsmitteln wie Saatgut, Dünger oder Ersatzteile für Landmaschinen. Für viele Verbraucher spürbar wurden diese Schwierigkeiten in der Logistik jedoch im Laden, weil zum Beispiel keine haltbare Milch mehr zu kaufen war. Die globale Arbeitsteilung führte dazu, dass plötzlich keine Tetra-Packs mehr just-in-time verfügbar waren und die Milch nicht mehr überall abgefüllt und in die Läden gebracht werden konnte.

Eine direkte und sehr schmerzliche Folge haben die Maßnahmen der Politik zur Schließung der Gastronomie und zum Verbot sämtlicher Großveranstaltungen. Denn die spezialisierten Lieferanten erlebten einen kompletten Stopp der Nachfrage, zum Beispiel nach Sahne, Rindfleisch oder Pommes. In der Börde haben wir einen sehr starken Verarbeitungsbetrieb für Chips- und Pommeskartoffeln. Ohne eine stete Nachfrage aus der Gastronomie können auch keine Kartoffeln verarbeitet werden, wenn die Läger ausgelastet sind. Und so blieben einige Kartoffelanbauer auf ihren Pommeskartoffeln sitzen, da sie wegen ihrer Übergröße auch nicht als Speisekartoffeln oder in andere Verarbeitungsschienen abgegeben werden können. Für unseren Betrieb kam unter dem Strich ein Verlust von einigen hunderttausend Euro zustande.

Dennoch blicken wir optimistisch in die Zukunft und setzen auf Ausgleich durch unsere anderen Standbeine im Ackerbau, der Tierhaltung oder der Erzeugung von erneuerbaren Energien. Dabei hoffen wir auf die Einsicht der Politik, dass künftig bei der Gestaltung gesetzlicher Rahmenbedingungen das Wohl unserer Betriebe für eine Gewährleistung der Versorgung unserer Bevölkerung mit Nahrungsgütern aus heimischer Produktion im Fokus steht. Trotz globalisierter Märkte und Warenströme braucht die Nahrungssicherung aus nationaler Erzeugung wieder einen höheren Stellenwert.